Zum Inhalt springen

Stimme aus der Praxis

Interview mit Blanka Krellmann, Schulsozialpädagogin am Oberstufenzentrum Ästhetik und Technik

Seit Beginn des Schuljahrs 2025/2026 gibt es in Berlin eine bedeutende Neuerung: das 11. Pflichtschuljahr. Welche Aufgaben fallen in diesem Zusammenhang für eine Schulsozialpädagogin an? Wie sehen erste Erfahrungswerte aus und wie nehmen die Schüler*innen das 11. Pflichtschuljahr wahr? Blanka Krellmann arbeitet am OSZ Ästhetik und Technik, einer von 15 sogenannten Ankerschulen, die den praxisorientierten Bildungsgang „Integrierte Berufsausbildungsvorbereitung Praxis (“IBA-Praxis“) anbieten. Dieser richtet sich an alle Schüler*innen unter 18 Jahren, die nach der 10. Klasse keine konkrete Anschlussperspektive haben, etwa einen Ausbildungsplatz oder den Übergang in die gymnasiale Oberstufe. Weitere Informationen zum Thema gibt es außerdem hier.

Als Schulsozialpädagogin sind Sie in die Umsetzung des 11. Pflichtschuljahrs eingebunden. Welche Aufgaben haben Sie dabei? 

Meine Aufgabe ist es, zunächst herauszufinden, welche Ziele und Wünsche Schüler*innen haben und – wenn nicht – gemeinsam herauszufinden, wohin die Reise gehen soll. Ich bin Ansprechpartnerin natürlich auch für die Eltern, für die Lehrer*innen, für die Betreuer*innen. Es geht auch darum, dass ich auf die Fehlzeiten achten muss, gegebenenfalls anrufen, anschreiben oder selber hingehen, wenn ein*e Schüler*in nicht auftaucht, um herauszufinden, aus welchen Gründen. Natürlich bin ich auch Ansprechpartnerin für Seelennöte jeglicher Art, wie jede*r Sozialarbeiter*in an der Schule. Aber mein Schwerpunkt ist es, eine sehr enge Beziehungsarbeit mit den einzelnen Schüler*innen zu leisten.

Und wie läuft das Ganze praktisch ab, wenn die Schüler*innen keine Anschlussperspektive haben nach der 10. Klasse?

Wir hatten schon ein Jahr im Vorfeld eine Gruppe für die Ankerschule gebildet, die sich aus hoch motivierten Lehrer*innen zusammensetzt, die sich alle freiwillig und mit großem Interesse für die Arbeitsgruppe zusammengefunden haben, um einfach Ideen zu sammeln: Was können wir machen? Wie kann man anders an die Schüler*innen herankommen? Welche Gemengelagen bringen sie mit? Warum sind sie hier? Es ist gerade ein bisschen Trial-and-Error, weil kein Mensch wusste, was kommt.

Ich führe Erstgespräche durch, aber das machen die Lehrer*innen und die Bildungsbegleiter*innen genauso. Wir haben einen Erstgesprächsbogen erstellt, den wir alle sammeln und den ich auch auswerte. Dann schauen wir einfach: Welche*r Schüler*in hat schon eine Orientierung? Wer hat einen Schulabschluss? Wie sah vorher die Laufbahn aus? Wo hakt es? Und dann heißt es wirklich im 1:1 herauszufinden, warum die Person wirklich hier ist. Einige sind hier, weil sie einfach Struktur brauchen und weil der Druck erst mal wegfällt und Zeit bleibt, um durchzuatmen.

Ziel ist, mit der*dem Schüler*in herauszufinden: Was sind meine Talente? Was sind meine Stärken? Was sind meine Träume? Wohin kann die Reise gehen? Und wenn das feststeht, schauen wir uns das Berufsspektrum an, das dazu passt. Wir haben in Deutschland mehr als 500 verschiedene Ausbildungsberufe. Und wer kennt die schon alle? Ich kenne sehr viele, weil ich lange in dem Bereich arbeite, aber selbst mir begegnen ständig neue. Im Großen und Ganzen muss man erst mal mit den Schüler*innen herausfinden, wer sie eigentlich sind – und sie dann in den Beruf vermitteln und verankern. Dabei unterstütze ich. Es geht darum, herauszufinden: Wie sehen sich die Schüler*innen, kennen sie ihre Stärken, welche Träume haben sie, was können sie bewirken.

Man muss sich das vorstellen wie eine Großfamilie an einem großen Tisch, wo man versucht, auf die Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen und gleichzeitig eine Gemeinschaft zu finden. Das ist eigentlich stets in Bewegung. Es gibt keine feste Struktur. Es gibt Projekte: Prävention, Berufsvorstellungen, Messebesuche, Praktika – aber auch das läuft nicht für alle gleich.

Wie ist das 11. Pflichtschuljahr bisher am OSZ angelaufen?

Schwierig – aber ich glaube, das ist an fast allen OSZ so. Erstmal, viele Schüler*innen wussten nicht, an welcher Schule sie ihr Pflichtschuljahr absolvieren sollen oder wussten gar nicht, dass sie es absolvieren müssen. Da ist viel in der Kommunikation schiefgelaufen.

Dann haben wir das Problem, dass uns bestimmte allgemein-und berufsbildende Schulen zugewiesen wurden, z.B. eine in Französisch-Buchholz. Jede Ankerschule ist für die ihr zugewiesenen Schulen zuständig, um die von dort kommenden Schüler*innen aufzunehmen. Wir haben keinen Einfluss darauf. Das bedeutet für manche Schüler*innen fast zwei Stunden Fahrzeit hin und zurück. Wenn jemand schon zuvor schuldistanziert war, kommt er hier natürlich auch nicht an. Dafür braucht man eine hohe intrinsische Motivation, um solche Wege zu machen.

Aber die Frage ist ja immer: Warum war jemand schuldistanziert? Die Gründe sind sehr unterschiedlich. Ein Beispiel: Ein Schüler wollte nicht mehr zur Schule, weil er in der alten Schule extrem gemobbt wurde. Wie kriegen wir da einen Zugang? Was für einen Weg schlagen wir ein? Dauerpraktikum? Verschiedene Berufe angucken? Und, und, und… Wie nimmt man dem Menschen die Angst, in die Schule zu kommen? Mobbing ist ein traumatisches Erlebnis und passiert leider nicht allzu selten.

Andere stehen unter Druck von zu Hause: Du musst in die Ausbildung! Und dann machen sie einfach dicht. Oder es gibt gesundheitliche oder familiäre Gründe. Also, es gibt tausend Gründe, warum jemand schuldistanziert ist oder keinen Anschluss gefunden hat. Daher ist es sehr schwierig.

Hinzu kommt: Die Schüler*innen kommen nicht alle auf einmal – das hätten wir uns gewünscht – sondern tröpfeln nach und nach rein. Und natürlich gehen immer wieder welche ab, die wir schon vermittelt haben. Es ist sehr schwer, eine Klassengemeinschaft zu bilden; sie kennen sich nicht untereinander. Und es ist auch ein Alter, wo Kommunikation auch noch ein ganz schwieriges Thema ist, weil: „Ist mir peinlich“, „Ich sag lieber nichts.“ Es ist fast ausschließlich 1:1-Arbeit.

Und nehmen Sie schon erste Rückmeldungen von den Schüler*innen wahr? Wie geht es ihnen bei diesem Thema?

Also, einige finden es völlig überflüssig und sagen: Ne, ich möchte lieber eine Jobcentermaßnahme. Die Jobcentermaßnahme würde aber genauso aussehen: Sie gehen ins 11. Pflichtschuljahr und sind meistens etwas erstaunt, wenn ich ihnen das sage, dass das die Maßnahme wäre. Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir Schüler*innen haben, die eigentlich gerne die Schule absolviert hätten und danach einfach mal ein Jahr Ruhe wollten. Das kann ich einerseits verstehen, wäre aber nachteilig, weil man nur ganz schwer wieder in den Trott und in die Regelmäßigkeit reinkommt. Von daher ist es schon gut so, wie es ist. Aber an vielen Ecken und Kanten müssen wir das Konzept überdenken. Definitiv.

In den Medien wird das 11. Pflichtschuljahr vielfach als Maßnahme gegen „Schwänzer“ oder „Unentschlossene“ kommuniziert. Wie stehen die Schüler*innen selbst dazu?

Das würde ich niemals thematisieren, weil es eine Abwertung wäre. Jeder dieser Jugendlichen hat einen Grund, warum er da ist. Und da gibt es kein Verschulden. Es gibt Gründe und es gilt herauszufinden, welche das sind und wie man sie aus dem Weg räumen kann. Wir versuchen, eine Schule zu schaffen, die Freude macht, wo man gerne hingeht. Wir weichen sozusagen vom Standardkonzept ab und versuchen, den Einzelnen und das Individuum zu sehen und nicht die große Masse.

Welche Visionen oder Chancen sehen Sie, wie es anders laufen könnte?

In der Grundschule schon mit binnendifferenziertem Lernen anfangen, wirklich das Individuum sehen, nicht nur Leistung, Leistung, sondern: Woran hast du Spaß? Ein Mensch, der gesehen wird, hat Freude am Leben und Freude daran, sich weiterzuentwickeln.

Viele Schüler*innen bei uns haben es nicht geschafft, rechtzeitig einen Ausbildungsplatz zu bekommen oder hatten ganz viele Absagen. Oft sind sie aber überhaupt noch nicht orientiert, weil die Berufsorientierung an den weiterführenden Schulen, ISS und Gymnasien, oftmals nicht so gut läuft.

Als Schulsozialpädagogin waren sie früher für die Auszubildenden zuständig. Sehen Sie einen Unterschied in der Beratung?

Das sind zwei völlig verschiedene Welten. In der Ankerklasse treffen wir gerade auf das Alter Pubertät. In den Ausbildungen sind zwar auch noch viele in der Pubertät, aber diese ein, zwei Jahre machen einen riesigen Unterschied.

Es ist eine andere Gefühlswelt, eine andere Lebensrealität. Und da muss man erstmal sich wieder reinfinden. Mit 16 oder 17 fühlt sich alles anders an als mit 18 oder 19. Man muss rausfinden: Was sind die emotional wichtigen Dinge? Man kennt ja den klassischen Teenager, der zu Hause in sein Zimmer rennt, die Tür zuknallt, sagt: „Keiner versteht mich“ – genau das ist es. Sie verstehen sich selbst nicht. Die Synapsen werden gekappt und neu strukturiert. Also, ein Albtraum. Wer sich an seine eigene Pubertät erinnert, weiß doch ziemlich genau, wie fürchterlich sich das anfühlt. Man weiß nicht, wer man ist und wo man hingehört. Und in diesem Zustand soll man wissen, welchen Beruf man ausüben möchte? Vor allem den meisten ist nicht bewusst, dass man den Beruf, den man lernt, nicht ein Leben lang ausüben muss. Viele sagen: „Frau Krellmann, da muss ich aber ein Leben lang Friseur sein.“ Warum? Ich selbst habe fünf verschiedene Berufe. Man kann sich immer neu erfinden. Aber das ist ihnen oftmals nicht bewusst. Der Gedanke „Ich muss mich für eine Ausbildung entscheiden und bin dann gefangen“ macht sofort ein Brett im Kopf, so dass man sich auch gar nicht orientieren kann.

Und das ist, glaube ich, die wichtigste Lektion, die wir gerade alle lernen, dass wir uns zurückbesinnen und noch mal überlegen, wie sich das angefühlt hat. Auch für die Lehrkräfte ist das eine spannende Reise.

Inwiefern spielen andere Beratungsangebote wie JAzA für Sie eine Rolle in der Beratung?

JAzA ist für mich sehr wichtig an der Schule; besonders für diejenigen, die schon in Ausbildung sind. Viele gehen sehr blauäugig in die Ausbildung: „Mein Kumpel macht das, dann gehe ich mit.“ Oder: „Die Berufsschule ist nah, also mache ich das.“ Da gibt es natürlich Schnittmengen, wenn sich die Schüler*innen letztendlich für die duale Ausbildung entscheiden.

Es gibt unglaublich viele Angebote in Berlin, aber es ist komplett unübersichtlich und unstrukturiert: Berufsmessen laufen gleichzeitig ab oder überschneiden sich, ohne dass jede etwas Besonderes hätte. Es ist immer der gleiche Brei, auch in der Art, wie Berufe präsentiert werden. Da muss man daran denken, wie man Berufe zeigt, wie man neugierig macht. Ich brauche niemanden, der Glaser werden möchte, auf eine Auszubildendenmesse zu schicken, auf der es um Hotelfach oder Gesundheit geht. Nein, vielmehr sollten wir gemeinsam schauen, was man im Bereich Glas oder im Handwerk alles machen kann.

Es müsste früher angesetzt werden: in der Grundschule, in der Schule allgemein. Es gibt wunderbare Tests, die Stärken und Schwächen sichtbar machen. Dann kann man früh sagen: Das sind deine Stärken, dann schauen wir mal dort. Wir fangen zu spät an und bombardieren mit allem Möglichen. Und das im Alter, wo Begeisterungsfähigkeit schwer ist. Jeder von uns wusste als Kind, was er werden wollte: Feuerwehrfrau*mann, Astronaut*in, Ärztin*Arzt. Eltern und Lehrkräfte sollten diese Wünsche ernster nehmen, immer wieder nachhaken: Ist das noch dein Wunsch? In welche Richtung geht es?

Wichtig ist, überhaupt erst einmal für irgendetwas Begeisterung entwickelt zu haben. Wenn man das nie getan hat, wie soll man es in der Pubertät tun, wo sowieso nichts funktioniert? Daran kranken wir. Berufe können wunderschön sein und Freude machen. Und wir stecken Kinder in ein Korsett: Du musst, du musst, du musst. Dass man dann einfach nicht will, ist doch klar. Wir brauchen wieder den Blumenstrauß an Möglichkeiten und nicht von wegen: „Such dir was aus“, sondern: „Wir gucken gemeinsam – ich nehme dich an die Hand.“

Das ist doch ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Interview!