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Onboarding in der Ausbildung: Mehr als ein guter erster Tag

Der erste Ausbildungstag ist da: ein neuer Betrieb, neue Kolleg*innen, neue Regeln und viele unbekannte Begriffe. Zum ersten Mal wird regelmäßig gearbeitet, die erste Vergütung kommt auf das eigene Konto und gleichzeitig beginnt die Berufsschule.
Es gibt einen Ausbildungsvertrag, aber noch kein Gefühl dafür, wie dieses große System funktioniert. Wer ist für welche Frage zuständig? Was wird erwartet? Welche Rechte und Pflichten habe ich? Und wo finde ich meine eigene Rolle?
Für viele junge Menschen ist der Ausbildungsbeginn deshalb aufregend, macht stolz und kann zugleich überfordern. Sie müssen sich in einem neuen Betrieb zurechtfinden und verstehen, wie Betrieb, Berufsschule und zuständige Stelle zusammenhängen.
Im Betrieb begegnen ihnen viele neue Rollen: Ausbilder*innen, Kolleg*innen, Leitungskräfte und möglicherweise die Personalabteilung oder der Betriebsrat. Dazu kommen Abläufe und Erwartungen, die für erfahrene Beschäftigte selbstverständlich sein können, für Auszubildende aber zunächst neu sind.

Der Einstieg ist eine besondere Übergangsphase

Auszubildende kommen häufig zum ersten Mal mit der Arbeitswelt in Kontakt. Sie müssen nicht nur neue Aufgaben lernen, sondern sich auch an Arbeitszeiten gewöhnen, Kontakte knüpfen und herausfinden, wie Zusammenarbeit im Betrieb funktioniert.

Eine Untersuchung von Schörger, Rausch und Neubauer  beschreibt typische Herausforderungen in dieser Eingangsphase: Auszubildende können sich überfordert fühlen, wenn Aufgaben unklar sind, Fehler passieren oder Rückmeldungen fehlen. Zugleich können eintönige Routinetätigkeiten das Gefühl vermitteln, zu wenig zu lernen. Auch die Umstellung auf den Arbeitsalltag und die Integration in ein neues soziales Umfeld spielen eine Rolle. ¹

Ein gelungener Start ist deshalb mehr als eine organisatorische Einführung. Auszubildende brauchen Orientierung, die Möglichkeit, Fragen zu stellen, und Gelegenheiten, erste Erfolge zu erleben. Sie sollten schrittweise anspruchsvolle Aufgaben übernehmen und dabei passende Unterstützung erhalten. So können sie Kompetenzen entwickeln und zunehmend selbstständig arbeiten. ¹

Onboarding beginnt vor dem ersten Arbeitstag

Onboarding kann bereits nach der Vertragsunterschrift beginnen und bis zum Ende der Probezeit reichen. Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung - KOFA beschreibt den Einstieg als Prozess aus Preboarding, den ersten Tagen im Betrieb und der weiteren Begleitung während der Probezeit. ²

Preboarding umfasst die vorbereitende Phase vor dem Ausbildungsbeginn: Der Betrieb kann im Vorfeld Kontakt halten und wichtige Informationen bereitstellen: Wo und wann beginnt der erste Tag? Wer wird die neue Person begrüßen? Was sollte sie mitbringen? Eine feste Ansprechperson kann außerdem dafür sorgen, dass erste Fragen nicht unbeantwortet bleiben.

Solche Vorabinformationen nehmen nicht jede Unsicherheit, können aber helfen, Erwartungen zu klären und den Start überschaubarer zu machen. Der erste Ausbildungstag wird dann nicht zur einzigen Gelegenheit, in der alle wichtigen Informationen auf einmal vermittelt werden müssen.

Menschen geben oft mehr Orientierung als Unterlagen

Ein Startordner, eine Informationsveranstaltung oder ein Rundgang können Abläufe verständlich machen. Entscheidend ist aber auch, ob Auszubildende im Alltag wissen, an wen sie sich wenden können.

In der Untersuchung von Schörger, Rausch und Neubauer wurden feste Ansprechpersonen, Vortreffen und Orientierungsangebote am ersten Tag positiv wahrgenommen. Besonders wichtig waren den Befragten außerdem die schnellen, unkomplizierten Kontakte zu Kolleg*innen und Fachkräften vor Ort: Hilfe bei Fragen, Verständnis für die Situation der Neuen und echtes Interesse an ihnen als Personen.¹

Daraus lässt sich ein praktischer Grundsatz ableiten: Onboarding gelingt nicht allein durch Informationsmaterial, sondern durch erreichbare Menschen und verlässliche Beziehungen. Eine Patin oder ein Pate, regelmäßige Gespräche und ein Team, das Fragen ernst nimmt, machen den Einstieg im Arbeitsalltag konkret.

Erste Erfolgserlebnisse und passende Aufgaben

Neue Auszubildende sollen lernen dürfen – dazu gehört auch, Fehler zu machen und Fragen zu stellen. Gleichzeitig brauchen sie Aufgaben, bei denen sie Fortschritte erleben und nach und nach Verantwortung übernehmen können.

Die Studie von Schörger, Rausch und Neubauer ¹ hebt erste Erfolgserlebnisse und abwechslungsreiche Tätigkeiten als wichtige Erfahrungen hervor. Sie weist zugleich darauf hin, dass zu einfache Routinetätigkeiten wenig zum Kompetenzerleben und Lernen beitragen können. Sinnvoll ist daher, Aufgaben so zu wählen, dass sie herausfordern, aber mit Unterstützung bewältigbar bleiben.

Rückmeldungen helfen Auszubildenden dabei, einzuordnen, was bereits gut gelingt und woran sie weiterarbeiten können. Regelmäßige Gespräche geben beiden Seiten Gelegenheit, Erwartungen abzugleichen und Fragen früh anzusprechen.

Onboarding als Teil guter Ausbildungsbegleitung

Eine vorzeitige Vertragslösung ist nicht automatisch ein endgültiger Ausbildungsabbruch. Sie kann beispielsweise mit einem Betriebs- oder Berufswechsel einhergehen.³ ⁵ Die BIBB-Berufsbildungsstatistik weist für 2024 eine Vertragslösungsquote von 29,7 Prozent aus.⁶ KOFA greift diesen Wert auf und betont, dass nicht jede Vertragslösung einem vollständigen Ausbildungsabbruch entspricht.⁷ Vor diesem Hintergrund ist Onboarding ein wichtiger Ansatzpunkt, um den Einstieg bewusst zu gestalten: Es hilft, Erwartungen zu klären, soziale Kontakte zu fördern und Unterstützung erreichbar zu machen. KOFA empfiehlt, Auszubildende bereits vor dem ersten Tag einzubeziehen und während der Probezeit weiter zu begleiten.² Auch die Kommunikation zwischen Auszubildenden und Ausbilder*innen wird in der KOFA-Auswertung als wichtiger Aspekt für die Bindung genannt.⁷ ⁴

Ein guter Start entsteht gemeinsam

Der Ausbildungsbetrieb kennt seine Abläufe und Erwartungen bereits. Auszubildende müssen sich diese Welt erst erschließen. Onboarding schafft dafür einen verlässlichen Rahmen: Es beginnt vor dem ersten Arbeitstag, bietet Orientierung im Betrieb und setzt sich durch persönliche Begleitung, passende Aufgaben und regelmäßige Rückmeldungen fort.

Ein gelungener Ausbildungsbeginn bedeutet nicht, dass Auszubildende nach wenigen Tagen alle Abläufe beherrschen. Wichtig ist, dass sie zunehmend wissen, wo sie stehen, an wen sie sich wenden können und dass ihre Fragen willkommen sind.

Wenn Fragen, Unsicherheiten oder Konflikte in der Ausbildung entstehen, können sich Auszubildende  an JAzA wenden. JAzA bietet Orientierung und Unterstützung rund um die Ausbildung und hilft dabei, die eigene Situation einzuordnen und mögliche nächste Schritte zu entwickeln.

Onboarding ist damit nicht nur der Auftakt zur Ausbildung. Es ist ein wichtiger Teil davon, wie junge Menschen im Betrieb ankommen, lernen und ihren Platz im Team finden.

Quellen:

  1. Schörger, Julia; Rausch, Andreas; Neubauer, Jörg (2013): Onboarding von Auszubildenden – Welche Maßnahmen erleichtern den Ausbildungsbeginn?-In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 42. Jahrgang, Heft 2, S. 42–45. BWP-Beitrag.
  2. Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) (2026) – Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung: Onboarding von Auszubildenden: So gelingt der Einstieg für Azubis.
  3. Schöngen, Klaus (2003): Ausbildungsvertrag gelöst = Ausbildung abgebrochen? Ergebnisse einer Befragung. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, Heft 5/2003, S. 35–39.
  4. Uhly, Alexandra (2015): Vorzeitige Vertragslösungen und Ausbildungsverlauf in der dualen Berufsausbildung. Forschungsstand, Datenlage und Analysemöglichkeiten auf Basis der Berufsbildungsstatistik. In: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.): Wissenschaftliche Diskussionspapiere 157. Bonn 2015. – URL: www.bibb.de/dokumente/pdf/wdp-157_barrierefrei.pdf
  5. Uhly, Alexandra; Neises, Frank (2023): Vorzeitige Vertragslösungen in der dualen Berufsausbildung. Aktuelle empirische Befunde der Berufsbildungsstatistik und Maßnahmen – Ein Überblick. Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.), Bonn 2023.
  6. Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) (Hrsg.) (2026): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung, Kapitel A5.6, Tabelle A5.6-2, S. 154. BIBB-Datenreport 2026
  7. Herzer, Philip; Kunath, Gero (2026): Hohe Vertragslösungen, fehlende Fachkräfte? Wo die Bindung von Azubis besonders gut funktioniert, KOFA Kompakt 2/2026.