Neurodiversität in der Beratung von Auszubildenden
Neurodiversität steht für die Vielfalt menschlicher Gehirne – und dafür, Unterschiede im Denken, Wahrnehmen und Lernen als Teil unserer Gesellschaft anzuerkennen.
Am 31. August fand auf Initiative der Netzwerk- und Koordinierungsstelle “Dein Netzwerk für Ausbildungserfolg” (DNA Berlin) ein Workshop zum Thema „Neurodiversität in der Beratung von Auszubildenden“ statt. Unter der Leitung von Marieke Gleim, zertifizierte Diversity-Trainerin von living diversity, setzten sich die Teilnehmenden mit den Lebensrealitäten, Herausforderungen und Potenzialen neurodivergenter Auszubildender auseinander.
Neurodivergenz vs. Neurodiversität
Neurodivergenz bezeichnet unterschiedliche Formen der Informationsverarbeitung, die von dem abweichen, was gesellschaftlich als „neurotypisch“ gilt. Zu den häufig genannten Erscheinungsbildern gehören unter anderem Autismus, ADHS sowie Dyslexie und Dyskalkulie. Der Begriff Neurodiversität beschreibt dagegen die Vielfalt innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft.
Das Konzept entstand in den 1990er-Jahren in autistischen Communities. Die Soziologin Judy Singer verwendete den Begriff „Neurodiversität“ 1998 in ihrer Abschlussarbeit. Im Mittelpunkt des Ansatzes steht die Überzeugung, dass neurodivergente Menschen nicht grundsätzlich als defizitär betrachtet werden sollten. Gleichzeitig bedeutet Neurodiversität nicht, Herausforderungen oder Unterstützungsbedarfe zu ignorieren.
Neurodiversität in der Ausbildung
Gerade die Ausbildungszeit kann junge Menschen mit ADHS, im Autismus-Spektrum, mit Dyslexie oder Dyskalkulie vor besondere Herausforderungen stellen. Auch Ausbilder*innen und Lehrkräfte verfügen häufig nur über begrenztes Wissen zu neurodivergenten Erscheinungsbildern. Werden Besonderheiten nicht erkannt oder verstanden, kann dies zu Überforderung und zusätzlichen Barrieren führen.
Der Workshop verband fundiertes Wissen mit konkreten Anregungen für die Beratungspraxis. Besprochen wurden unter anderem:
- klare und direkte Kommunikation,
- planbare Abläufe und kleinschrittige Aufgaben,
- Priorisierung und Rückwärtsplanung,
- schnelles, positives Feedback,
- reizärmere Rückzugsmöglichkeiten,
- individuell passende Lern- und Arbeitsbedingungen,
- ein ressourcenorientierter Blick auf die Auszubildenden.
Auch Begriffe wie „Masking“, „Coping“ und „Stimming“ wurden erläutert. Sie beschreiben unter anderem Anpassungsstrategien, bewusste Bewältigungshilfen und Formen der Selbstregulation, die neurodivergente Menschen im Alltag nutzen können.
Eine inklusive Beratung berücksichtigt dabei, dass neurodivergente Menschen keine einheitliche Gruppe sind. Erfahrungen, Stärken und Unterstützungsbedarfe können sehr unterschiedlich sein. Ziel sollte deshalb nicht sein, alle an eine bestimmte Norm anzupassen, sondern Barrieren abzubauen, Selbstbestimmung zu stärken und passende Unterstützung zu ermöglichen.
Nutzen der Veranstaltung
Wir haben bei einigen Teilnehmenden nachgefragt, was ihnen die Veranstaltung für ihre eigene Beratungstätigkeit als JAzA-Ausbildungsbegleitung gebracht hat.
Was nehmen die JAzA-Ausbildungsbegleiterinnen für ihre Praxis mit?
„Für meine Praxis nehme ich vor allem mit, genauer hinzuschauen, Verhalten nicht vorschnell zu beurteilen und durch klare Kommunikation sowie Wertschätzung besser auf die individuellen Bedürfnisse von Auszubildenden einzugehen.“
Paola Papatrecha, JAzA-Ausbildungsbegleiterin am OSZ Handel 2„Ich nehme konkrete Ideen für den schulischen Kontext mit – besonders den Perspektivwechsel von einem Defizitblick hin zu einer ressourcenorientierten Begleitung sowie die Möglichkeit eines Rückzugsraums zur Reizregulation.“ Elif Görüs, JAzA-Ausbildungsbegleiterin) am OSZ Gesundheit
„Der Workshop hat mir einen guten Überblick verschafft und ich habe das Gefühl, künftig noch besser auf betroffene Personengruppen eingehen zu können.“ Marie Topuzoglu, JAzA-Ausbildungsbegleiterin am OSZ Ästhetik und Technik
Die Veranstaltung zeigte, wie wichtig Sensibilisierung und praxisnahe Unterstützung für eine inklusive Ausbildung sind. Ein besseres Verständnis neurodivergenter Lebensrealitäten kann dazu beitragen, Stärken sichtbar zu machen, Herausforderungen ernst zu nehmen und Auszubildende gezielter auf ihrem Weg zu begleiten.