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Internationale Ausbildung: Wenn aus Hoffnung Abhängigkeit wird.

Mehrere Studien sowie ein aktueller SPIEGEL-Bericht über vietnamesische Auszubildende in Deutschland zeigen erneut, wie verletzlich junge Menschen in Ausbildungsmigration sein können.  An einer Berufsausbildung Interessierten wird in Deutschland eine gute Ausbildung versprochen. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus: Statt einer qualifizierten Ausbildung geraten sie in prekäre Beschäftigungsverhältnisse oder Schwarzarbeit – und damit in eine Situation, aus der sie nur schwer wieder herausfinden. 

Worum geht es? 

Ein aktueller Artikel des SPIEGEL über vietnamesische Auszubildende in Deutschland rückt ein Thema erneut in den Fokus: Die Gewinnung internationaler Auszubildender bietet Chancen – sie kann aber auch erhebliche Risiken mit sich bringen, wenn junge Menschen ohne ausreichende Begleitung, Transparenz und Schutzstrukturen in Deutschland ankommen. 

Der SPIEGEL-Beitrag beschreibt, wie vietnamesische Auszubildende mit der Hoffnung auf eine berufliche Perspektive und einem idealisierten Bild über die Ausbildung in Deutschland hierher kommen und dabei häufig in problematische Abhängigkeiten geraten. Viele von ihnen zahlen bereits vor der Einreise hohe Vermittlungsgebühren von bis zu fünfstelligen Beträgen und verschulden sich stark, oft verbunden mit großen Erwartungen ihrer Familien. 

Den Befragungsergebnissen der MINOR- Studie zufolge gelangen die meisten vietnamesischen Auszubildenden über private Anwerbeagenturen nach Berlin; ihr Anteil liegt bei 57 %. Daneben spielen jedoch auch familiäre Netzwerke sowie staatliche Programme eine wichtige Rolle. Der Zugang zur Gastronomie erfolgt dabei häufig auf niedrigschwellige Weise über persönliche Kontakte, während der Einstieg in das Gesundheitswesen deutlich stärker reguliert ist und in der Regel über Agenturen oder Programme organisiert wird. Die Vermittlung findet häufig im Rahmen oder in Zusammenarbeit mit Sprachschulen statt. Die Vermittlungsagenturen rekrutieren die Auszubildenden gezielt über Social Media und versprechen ihnen, enorme Summen in der Ausbildung zu verdienen. Nach der Ankunft treffen sie jedoch nicht selten auf schwierige Lebens- und Arbeitsbedingungen, mangelnde Unterstützung und unzureichende Informationen über ihre Rechte und Möglichkeiten. Überstunden gehören laut der MINOR-Studie für 42% der Azubis zum Arbeitsalltag. Sprachliche Hürden, soziale Isolation und die Angst vor einem Scheitern verschärfen ihre Lage zusätzlich. Der Artikel macht deutlich, dass es sich dabei nicht nur um einzelne problematische Fälle handelt, sondern um strukturelle Risiken im Bereich internationaler Ausbildungsmigration. Wenn Vermittlung intransparent ist und Schutz- und Unterstützungsstrukturen fehlen, kann Ausbildung für junge Menschen statt zu einer Chance zu einem Weg in Ausbeutung und Abhängigkeit werden. 

Mit dem Thema befasst sich auch die Technische Universität Berlin. Für die Studie „Die neue Zuwanderung aus Vietnam“ interviewte die Sozialwissenschaftlerin Giang Thierbach junge Menschen, die mit dem Ziel nach Deutschland kommen wollten, eine Berufsausbildung zu beginnen.Die Studie beschreibt die neue vietnamesische Zuwanderung nach Berlin als heterogen und vielfach von informellen, unsicheren Aufenthalts- und Arbeitsverhältnissen geprägt. Trotz unterschiedlicher Lebenslagen verbindet viele der Wunsch nach sozialem Aufstieg. Dieser ist jedoch häufig mit hoher Arbeitsbelastung, Migrationsschulden und Abhängigkeiten verbunden. 

Was sind die zentralen Problemlinien?

Sprachbarriere: Fehlende oder unzureichende Deutschkenntnisse erschweren den Zugang zu Behörden, Gesundheitsversorgung, sozialen Angeboten und Qualifizierung. Der Spracherwerb wird durch lange Arbeitszeiten und den Druck, Schulden zurückzuzahlen, zusätzlich verhindert. Sprachvermittlung ist zwar vorhanden, aber nicht ausreichend, wird häufig nicht finanziert und bleibt als zusätzliche Arbeit unsichtbar. Auch die Verwaltung ist strukturell nicht ausreichend auf Mehrsprachigkeit eingestellt.  

Migrationsschulden: Der finanzielle Druck führt dazu, dass Betroffene vor allem arbeiten und Angebote zur Qualifizierung oder Beratung kaum nutzen. 

Unerreichbarkeit: Viele verbleiben in informellen Beschäftigungsverhältnissen und sind für staatliche Stellen schwer erreichbar. Dies wird teilweise fälschlich als Desinteresse interpretiert. Positive Stereotype wie „fleißig“ und „problemlos“ fördern zudem behördliches Wegschauen. 

Misstrauen: Unsichere Aufenthaltslagen, frühere Erfahrungen mit Behörden und gezielte Fehlinformationen durch Dienstleister verstärken das gegenseitige Misstrauen. 

Unwissenheit: Fehlende Informationen und unkontrollierte Vermittlungsagenturen schaffen Abhängigkeiten und begünstigen Ausbeutung. Notwendig sind niedrigschwellige mehrsprachige Angebote, verlässliche Sprachmittlung, bessere Vernetzung und politische Verantwortung. 

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus und was bedeutet dies für die Ausbildungsmigration? 

Der aktuelle Fall unterstreicht daher, wie wichtig verbindliche Standards in der Vermittlung und Begleitung internationaler Auszubildender sind. Nötig sind transparente Verfahren, eine frühzeitige und unabhängige Beratung, erreichbare Unterstützungsangebote vor Ort sowie Strukturen, die soziale und betriebliche Integration tatsächlich ermöglichen. Auch Betriebe, Schulen, Träger und politische Akteure stehen hier gemeinsam in der Verantwortung. 

Gelingende Ausbildungsmigration entscheidet sich nicht allein an der Zahl neu gewonnener Fachkräfte. Sie entscheidet sich daran, ob junge Menschen in Deutschland sicher ankommen, fair behandelt werden und echte Perspektiven entwickeln können. Wer internationale Ausbildung stärken will, muss deshalb auch die Bedingungen stärken, unter denen sie stattfindet. Wenn Fälle wie die der vietnamesischen Auszubildenden eines zeigen, dann dies: Ausbildung darf keine Eintrittskarte für Abhängigkeit sein. Sie muss ein verlässlicher Weg in Teilhabe, Qualifizierung und Selbstbestimmung bleiben. Viele Auszubildende denken wegen der Belastungen im Betrieb und in der Berufsschule über einen Betriebs- oder Berufswechsel nach, manche sogar über einen Abbruch ihrer Ausbildung. Scheitert der Wechsel in eine neue Ausbildung oder der Erwerb eines anderen Abschlusses, erlischt ihr Aufenthaltsstatus. Die Betroffenen müssen dann ausreisen; einige bleiben dennoch in Deutschland und geraten in undokumentierte Beschäftigung und einen irregulären Aufenthalt. 

Es gibt einen Gesetzesentwurf, der eine umfassende Neugestaltung der Straftatbestände zum Menschenhandel und zur sexuellen Ausbeutung im Strafgesetzbuch vorsieht. Künftig sollen auch Personen zur Verantwortung gezogen werden, die Leistungen von Opfern in Anspruch nehmen oder  wissentlich Dienste von Opfern des Menschenhandels nutzen; vorgesehen ist eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe. 

Auszubildende könne sich auch beraten lassen, wenn sie planen in Deutschland zu arbeiten. Es gibt zum Beispiel VISLA e.V., einen Verein, der in Berlin Vietnames*innen berät, wie sie in Deutschland sicher arbeiten können. Ebenso gibt es Initiativen wie ARRIVO BERLIN, die eine faire Arbeitsmarktintegration fördern, die Beratungsstellen Faire Integration und das Kompetenznetzwerk Vietnam, das gerade ein Broschüre mit Anlaufstellen für Zugewanderte aus Vietnam herausgegeben hat. 

Weitere Informationen finden Sie außerdem in der aktuellen Dokumentation “Eingewandert, ausgebeutet: Azubis aus Drittstaaten um jeden Preis?” in der ARD Mediathek.