Ausbildung trifft Wohnungsnot: Bezahlbarer Wohnraum als Standortfaktor
Berlins Auszubildende sind mit ihrer Ausbildung überwiegend zufrieden - doch für viele beginnt die Herausforderung bereits vor dem ersten Arbeitstag: eine bezahlbare Unterkunft zu finden. Eine aktuelle Umfrage der IHK Berlin und eine von der IHK bei empirica beauftragte Wohnbedarfsstudie zeigen, dass Wohnungsnot Ausbildungsentscheidungen beeinflusst, Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben und Ausbildungsverhältnisse gefährdet werden. Mit dem ersten Azubi-Wohnheim und dem geplanten Azubiwerk entstehen wichtige neue Perspektiven in Berlin.
Was ist die Schwierigkeit?
Die aktuellen Zahlen zeichnen ein ambivalentes Bild: Rund 85 Prozent der Berliner Auszubildenden würden ihren Arbeitgeber weiterempfehlen. Etwa 80 Prozent haben sich trotz anderer Möglichkeiten bewusst für den dualen Ausbildungsweg entschieden. Gleichzeitig können 42 Prozent der befragten Unternehmen ihre Ausbildungsplätze nicht vollständig besetzen.
Neben fehlenden oder nicht passenden Bewerbungen wird der angespannte Wohnungsmarkt zunehmend zu einem eigenen Ausbildungshemmnis. Drei von zehn Unternehmen berichten, dass Jugendliche eine Ausbildungsstelle wegen fehlender Unterkunft nicht antraten. Fast jeder sechste Betrieb erlebte bereits Kündigungen aus diesem Grund. Damit wird deutlich: Die Entscheidung für oder gegen eine Ausbildung hängt nicht allein vom Ausbildungsberuf oder vom Betrieb ab, sondern auch davon, ob junge Menschen in Berlin ein bezahlbares Zuhause finden.
Der Bedarf ist größer als das Angebot
Die von der IHK Berlin beauftragte Wohnbedarfsstudie des Forschungsinstituts empirica kommt zu dem Ergebnis, dass 65 Prozent der Ausbildungsanfänger*innen Wohnraumbedarf haben. Bis zum Jahr 2040 werden demnach jährlich rund 3.400 zusätzliche Wohnplätze benötigt.
Die Dimension des Problems zeigt sich auch auf dem Ausbildungsmarkt: Laut Bundesagentur für Arbeit sind in Berlin mehr als 5.000 Ausbildungsplätze frei. Gleichzeitig melden 44 Prozent der Betriebe ihre freien Ausbildungsstellen gar nicht oder nur selten der Arbeitsagentur. Die Kombination aus unbesetzten Plätzen, fehlenden Bewerbungen und fehlendem Wohnraum macht deutlich, dass die Fachkräftesicherung ein Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen braucht.
Erstes Azubi-Wohnheim eröffnet neue Möglichkeiten
Ein wichtiger Schritt ist das erste kommunale Wohnheim für Auszubildende an der Storkower Straße in Berlin-Lichtenberg. Ab August 2026 stehen dort 154 möblierte Wohnplätze zur Verfügung. Die Warmmiete beträgt 340 Euro im Monat. Neben Einzelzimmern in Wohngemeinschaften gibt es Gemeinschaftsküchen, Lernräume, eine Dachterrasse und weitere Gemeinschaftsflächen.
Wie groß der Bedarf ist, zeigt die erste Vergaberunde: Auf die 154 Plätze gingen mehr als 1.200 Bewerbungen ein. Das Wohnheim ist damit ein konkretes Angebot für junge Menschen, die ihre Ausbildung in Berlin beginnen oder fortsetzen möchten, aber auf dem freien Wohnungsmarkt keine passende und bezahlbare Unterkunft finden.
Was sind Azubiwohnen und Azubiwerk?
Das Berliner Programm „Azubiwohnen“ setzt nicht nur auf günstige Mieten, sondern auf ein unterstützendes Wohnumfeld. Das Angebot richtet sich an volljährige Auszubildende aller Branchen, die eine betriebliche, überbetriebliche oder schulische Ausbildung in Berlin absolvieren. Die Vergabe berücksichtigt sowohl soziale Kriterien als auch ein Losverfahren.
Das Wohnangebot ist Teil des größeren Vorhabens eines Berliner Azubiwerks. Ähnlich wie ein Studierendenwerk soll es Auszubildende künftig mit Beratungs-, Bildungs- und Freizeitangeboten begleiten. Die Gründung des Azubiwerks ist für den Spätsommer 2026 vorgesehen.
Mehr Informationen zum Berliner Programm “Azubiwohnen” finden Sie in unserem Newsartikel: https://www.jaza.berlin/news/artikel/bezahlbares-wohnen-fuer-azubis-berlin-schafft-neue-perspektiven.html
Die IHK Berlin fordert, das Azubiwerk deutlich auszubauen und zu einem zentralen Steuerungsinstrument für günstigen Wohnraum für Auszubildende zu machen. Die hohe Zahl der Bewerbungen auf die ersten Wohnplätze unterstreicht, dass die bisher geschaffenen Kapazitäten ein Anfang, aber noch keine flächendeckende Lösung sind.
Was sagt JAzA dazu?
Für JAzA ist die Entwicklung ein wichtiges Signal: Ausbildung findet nicht nur im Betrieb und in der Berufsschule statt. Auch die Lebensbedingungen junger Menschen entscheiden mit darüber, ob Ausbildung gelingt. Bezahlbarer Wohnraum kann lange Pendelwege verkürzen, den Ausbildungsstart erleichtern und jungen Menschen eine realistische Perspektive in Berlin eröffnen.
Das erste Azubi-Wohnheim zeigt, wie aus einer bereits bekannten Herausforderung ein konkretes Unterstützungsangebot werden kann. Zugleich machen die aktuellen Zahlen deutlich, dass weitere Investitionen und verlässliche Strukturen notwendig sind. Wer Berlin als Ausbildungs- und Wirtschaftsstandort stärken will, muss deshalb auch in Wohnraum, Beratung und soziale Teilhabe für Auszubildende investieren.
Wohnraum für Auszubildende ist damit mehr als eine soziale Frage: Er ist ein Standortfaktor und ein Baustein für die Fachkräftesicherung der Zukunft.